Verena Schmitt-Roschmann Journalistin

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Kapitelübersicht befindet sich hier
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Idee zu diesem Buch kam mir in einem fünfminütigen Gespräch mit meiner Agentin. Heimat. Was ist das? Gilt das noch etwas im 21. Jahrhundert? Was nimmt man mit, wenn man von ihr fortgeht?

Ich wusste bis zu diesem Augenblick nicht, dass mich solche Fragen umtreiben. Heimat hat für viele in meiner Generation, die wir mit Deutschland fremdeln, die wir durch die Welt reisen und am liebsten mal für ein paar Jahre im Ausland leben, diesen leicht angebräunten, abgestandenen, abgenudelten Klang.

Und doch hallte dieses Gespräch nach, es rührte mich – tief genug, um mich auf diese ausgedehnte Reise in ein eigentlich uferloses, sehr deutsches Thema zu begeben.
 
 
Geschichten
 
hinter ausgewählten Kapiteln
 
 
Kapitel I-2 “Wie ist das schön hier”
Die Geschichte von Ingrid ist mir eigentlich fremd: Das ganze Leben an einem Ort, und das in einem kleinen Dorf in Niedersachsen? Die Lobes- und Ruhmeshymnen auf das deutsche Landleben, und ach wie schön ist das Grüne, und ach wie schrecklich ist die Stadt – das alles weckt üblicherweise meinen rebellischen Geist, weil ich einer bemitleideten Minderheit angehöre, die gerne in der Stadt lebt.  Deshalb war ich in meinem Gespräch mit Ingrid – selbstverständlich stilecht in einem wunderschönen Garten bei herrlichem Sommerwetter – auch immer in vorsorglicher Verteidigungshaltung. Aber sie wollte mich gar nicht überzeugen. Letzten Endes war Ingrids Erklärung, warum sie keinesfalls weg will aus diesem Dorf, warum die Heimat sie hält, selbst wenn sie sie nicht unbedingt so nennt, absolut stimmig -  auch wenn ich gerne woanders lebe.”
 
Kapitel I-5 “Fester Grund im globalen Chaos”
Viele Gespräche, die ich für das Buch führte, haben mich berührt. Aber kaum eines ging mir so nahe, wie das mit den Schmidts,  die beide beim Pleitekonzern Karstadt arbeiten, die nun seit Jahren um ihren Job bangen und damit auch um ihr Haus und, ja, um ihre Heimat . Es war eine Zeit, in der ich selbst auch verkauft werden sollte – also, mein Arbeitgeber und ich mit ihm. So wie es Tausenden passiert in dieser Zeit. Selten habe ich so deutlich gespürt, dass andere mein Leben kontrollieren, und zwar sehr weit entfernte, gesichtslose, milchiggraue Entitäten, die über mein Schicksal bestimmen, ohne sich dafür zu interessieren. Als ich mich von den Schmidts verabschiedete,  war für sie alles offen  - ob die Kündigung kommt, ob die Bank irgendwann ihr Traumhaus pfändet, weil die Raten unbezahlbar werden. Wir wollten uns noch einmal verabreden, in ein paar Monaten, wenn sich alles geklärt haben würde. Aber Frau Schmidt sagte beim Abschied, sie wisse nicht, ob sie dann noch unter der Telefonnummer zu erreichen seien. Die Handynummer könnte auch weg sein, denn das Telefon gehört der Firma. Die Email-Adresse, die könnte vielleicht noch funktionieren, meinte sie. Tatsächlich hat sich nichts geklärt in diesen Monaten. Selbst mit dem neuen Eigentümer von Karstadt bleibt das Eigenheim der Schmidts ein Kartenhaus.”
 
Kapitel III-3 “Das ist ein Verbrechen gewesen”
„Die Christophs traf ich beim „Tag der Heimat“ des Bundes der Vertriebenen im ICC im Sommer 2009. Es war das 60. Gründungsjubiläum und alles sehr feierlich, und die Kanzlerin sprach, und Erika Steinbach sagte: Verzicht auf den Sitz im Stiftungsrat des Vertriebenen-Zentrums, niemals! Und so kam es, dass ich Opfer meiner Vorurteile wurde. Denn selbstverständlich hielt ich dieses freundliche ältere Paar, das mir vom verlorenen Haus hinter Königsberg erzählte, für konservative CDU-Wähler. Möglicherweise sind sie das ja auch, aber ich war doch einigermaßen verblüfft, dass ich es mit einst hochrangigen SED-Mitgliedern zu tun hatte, die mir vom Tanzvergnügen im Palast der Republik vorschwärmten und aus tiefster Überzeugung erklärten, der Abriss des Palasts, das sei ein „Verbrechen“ gewesen. Denn der Palast war den DDR-Bürgern Heimat, davon sind sie überzeugt.“
 
Kapitel IV-2 “Es ist hier wie zuhause”
„An den Tagen, die ich ganz zum Schreiben hatte, schlich sich ein Muster ein: Ich arbeitete vom frühen Vormittag bis gegen zwei, halb drei, oft nicht besonders schnell, aber meist sehr vertieft. Dann war es urplötzlich vorbei, ich fühlte mich watteköpfig und schwindelig und dachte:  Zucker, oder ich falle um. An einem dieser Tage, einem Sonnentag im September, ging ich raus auf der Suche nach einem Stück Kuchen und trat zum ersten Mal in den kleinen Feinkostladen in der Nähe, den ich sonst immer links liegen ließ. Dort traf ich Feliks, der mir ein Stück seiner unglaublich massiven, mächtigen Torten verkaufte, die selbst im Zustand absoluter Unterzuckerung eigentlich kaum verkraftbar sind. Viel später, im Winter, ging ich noch einmal zu Feliks und fragte ihn, warum er aus der Ukraine in diese neue Heimat übersiedelte und wie es kommt, dass er hier kaum etwas vermisst.“
 
Kapitel IV-3 “Auf dem Weg ins Nirgendwo”
„Sarkozy und sein Burka-Verbot - ein Irrweg, davon bin ich fest überzeugt, es ist, als ob man einer Nonne den Habit verbieten würde.  Aber die Wahrheit ist auch: Bei der Recherche für die „Ersatzheimat Neukölln“ stand ich in der U-8 hinter dem Hermannplatz zum ersten Mal direkt neben einer Frau in Vollverschleierung und fühlte mich unwohl und unterschwellig bedroht. Es lag sicher an dieser dunklen Bahn und den vergammelten Stationen. Die Frauen mit Gesichtsschleier am Münchner Marienplatz sehen doch so unbeschwert harmlos aus. Aber diese Verschleierte kam mir plötzlich entmenschlicht vor, unnahbar und düster. Plötzlich hatte ich eine völlig irrationale Ahnung. Selbstmordattentat in der U-Bahn, ist das so ganz abwegig? Ich war erleichtert, als ich ausstieg. Erleichtert und auch etwas beschämt.“